Nitrit und TRGS 611 – was im Betrieb wirklich zu tun ist

Wöchentlich messen, Grenzwert 20 mg/l, bei Überschreitung handeln: Die TRGS 611 ist eine der wenigen Regeln, die konkrete Zahlen nennt. Was dahintersteckt und wie die Prüfung in den Betriebsalltag passt.

Worum es geht

Die TRGS 611 heißt vollständig „Verwendungsbeschränkungen für wassermischbare bzw. wassergemischte Kühlschmierstoffe, bei deren Einsatz N-Nitrosamine auftreten können“. N-Nitrosamine sind krebserzeugend. Sie entstehen nicht im Konzentrat, sondern erst im Betrieb – aus Nitrit und bestimmten Aminen, die als Korrosionsinhibitoren und pH-Puffer in wassergemischten Kühlschmierstoffen enthalten sein können.

Nitrit gelangt auf zwei Wegen in den Kreislauf: durch mikrobiellen Abbau von Nitrat aus dem Ansetzwasser und durch Einträge von außen. Deshalb ist der Nitritwert immer auch ein Indikator für den mikrobiologischen Zustand des Ansatzes – nicht nur eine Compliance-Kennzahl.

Die Zahlen

WasWertAnmerkung
Nitrit im GebrauchGrenzwert 20 mg/lwöchentlich zu prüfen
Prüfintervall NitritwöchentlichTeststäbchen genügen in der Regel
Intervallverlängerungbis zu 4 Wochenzulässig, wenn drei aufeinanderfolgende Messungen unter 10 mg/l liegen; bei höheren Werten zurück zur Wochenkontrolle
pH-Wertwöchentlich prüfenbei Glas- und Keramikbearbeitung monatlich
pH-Abfallmaximal 0,5 Einheitenein stärkerer Abfall ist zu vermeiden
NDELA im Anlieferungszustandhöchstens 0,0005 % (5 mg/kg)Anforderung an das Konzentrat
NMOR im Anlieferungszustandhöchstens 0,0001 % (1 mg/kg)Anforderung an das Konzentrat
Luftgrenzwert0,2 µg/m³für krebserzeugende N-Nitrosamine in der Luft am Arbeitsplatz

Wenn der Grenzwert überschritten ist

Die TRGS 611 nennt vier Wege. Welcher der richtige ist, hängt vom Zustand des Ansatzes ab – und davon, wie schnell der Wert gestiegen ist.

  1. Kompletter Wechsel des Kühlschmierstoffs, verbunden mit einer Systemreinigung. Der sauberste Weg, wenn der Ansatz ohnehin am Ende ist.
  2. Teilaustausch – einen Teil ablassen und mit frischer Emulsion auffüllen. Verschafft Zeit, beseitigt die Ursache aber nicht.
  3. Zugabe eines Inhibitors nach Herstellerangabe.
  4. Bestimmung des NDELA-Gehalts in Fluid und Luft – der aufwendige, aber belastbare Nachweis, dass trotz erhöhtem Nitrit keine kritische Nitrosaminbildung vorliegt.

In der Praxis ist ein plötzlicher Nitritanstieg fast immer ein mikrobiologisches Problem. Nachschütten allein behebt es nicht; die Ursache steckt in der Regel in Fremdöl, Schlamm und stehenden Toträumen der Anlage – siehe Bakterien, Geruch und Schaum.

Wie die Prüfung in den Alltag passt

  • Fester Wochentag, feste Person. Die Messung dauert eine Minute je Maschine. Was keinen festen Platz im Ablauf hat, fällt aus.
  • Teststäbchen reichen. Die TRGS 611 hält sie für die Nitritprüfung in der Regel für ausreichend. Dose verschlossen und trocken halten, Verfallsdatum beachten – feuchte Stäbchen zeigen falsch an.
  • pH gleich mitmessen. Beide Werte gehören zusammen: Ein fallender pH-Wert und ein steigender Nitritwert sind dasselbe Signal aus zwei Richtungen.
  • Dokumentieren. Datum, Maschine, Wert, Namenszeichen. Ohne Dokumentation ist die Prüfung im Zweifel nicht erfolgt.
  • Verlauf beobachten. Ein Wert von 15 mg/l, der seit drei Wochen steigt, ist ernster als ein einmaliger Ausreißer auf 25 mg/l.

Was sonst noch dazugehört

Die TRGS 611 regelt Nitrit und Nitrosamine. Der übrige Umgang mit Kühlschmierstoffen steht in der DGUV Regel 109-003 „Tätigkeiten mit Kühlschmierstoffen“: Gefährdungsbeurteilung, Emissionsminderung, Schutzmaßnahmen nach dem STOP-Prinzip, Hautschutz, Betriebsanweisungen und Unterweisungen. Wer die Nitritmessung sauber führt, aber keinen Hautschutzplan hat, hat die halbe Aufgabe gelöst – und die Hautbelastung ist in der Praxis das häufigere Problem.

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Regelwerk und Quellen

  • TRGS 611 – Verwendungsbeschränkungen für wassermischbare bzw. wassergemischte Kühlschmierstoffe, bei deren Einsatz N-Nitrosamine auftreten können (BAuA)
  • DGUV Regel 109-003 – Tätigkeiten mit Kühlschmierstoffen (früher BGR/GUV-R 143)
  • DIN 51385:2013-12 – Bearbeitungsmedien für die Umformung und Zerspanung, Begriffe
  • DIN 51360-2 – Korrosionsschutzverhalten wassergemischter Kühlschmierstoffe, Späne-Filtrierpapier-Verfahren
  • VDI 3397 Blatt 1 bis 4 – Kühlschmierstoffe: Auswahl, Pflege, Entsorgung, Mikrobiologie

Diese Seite gibt den Stand September 2026 wieder und ersetzt keine Gefährdungsbeurteilung. Verbindlich sind die jeweils geltende Fassung des Regelwerks sowie die Sicherheitsdatenblätter und technischen Datenblätter der eingesetzten Produkte.